Freiheit, Bildung und der Kampf gegen die Frauen

Nach den Anschlägen von Kopenhagen und Paris sollte jedem klar sein, dass beim Islamismus Kampf gegen geistige Freiheit und Antisemitismus Hand in Hand gehen. Dies ist widerwärtig, aber nur ein Teil, noch nicht einmal der wichtigste.

Der wichtigste Punkt am Islamismus ist sein Kampf gegen die Frauen. Noch nicht lange her, aber schon fast vergessen, ist die Entführung (#BringBackOurGirls) und anschließende Versklavung und Zwangsverheiratung von über zweihundert Schülerinnen durch Boko Haram (der Name bedeutet „Westliche Bildung ist verboten“ oder „Westliche Bildung ist Sünde“). Darin zeigt sich die Verknüpfung vom Kampf gegen Bildung (eine wesentliche Voraussetzung für Freiheit) und Kampf gegen Frauen. So auch bei dem Anschlag auf eine Schule in Pakistan. Die aktuelle Nobelpreisträgerin wurde Opfer eines solchen Anschlages. Anlass für den Anschlag war einem Bekennerschreiben der Taliban zufolge der Einsatz des Mädchens für die schulische Bildung der weiblichen Bevölkerung. Das Wort Taliban bedeutet Koranschüler. Es ist also jemand, der nicht Bildung, sondern religiöse Indoktrination bekommt. Umgekehrt tragen Frauen bei den Peschmerga einen wichtigen Teil des Kampfes gegen des IS.

Dabei ist der Kampf gegen Frauen nicht auf den Islam beschränkt. Es gibt zwei weitere Gegenden, in denen der Kampf gegen Frauen in die weltweite Aufmerksamkeit gerückt ist, und unzählige andere, die nicht beachtet werden. Das eine Beispiel ist Indien. Dort werden tagtäglich Frauen vergewaltigt und umgebracht, die sich anmaßen, sich nicht der alten männlichen Herrschaft unterzuordnen. Es sind vielfach die Frauen, gerade auch aus den unteren Kasten, die sich über Bildung oder Handel eine eigenständige Position in der Moderne erarbeiten. Das andere ist Mexiko. Dort wird das ganze primär vor dem Hintergrund der Drogenmafia wahrgenommen. Nun ist die Drogenmafia gerade auch ein antimodernes Männerbündnis. Aber in Mexiko (und anderen lateinamerikanischen Ländern) hat es in den letzten zwanzig Jahren eine Verschiebung zu mehr ökonomischem Einfluss der Frauen gegeben. Im Norden geschieht dies durch die Niederlassungen der amerikanischen Firmen, in denen sehr viele Frauen beschäftigt sind. In anderen Teilen passiert dies durch die Auswirkungen der primär männlichen Arbeitsmigration Richtung USA , durch die die Frauen immer mehr Verantwortung übernehmen müssen (und selten dürfen). Die tausendfache, in weiten Teilen von den Behörden nicht bekämpfte Ermordung von Frauen in Mexiko ist der Abwehrkampf des Machismo gegen die Freiheit der Frauen und damit dem in Indien und dem des Islamismus gleichzustellen. Die Ermordung der vierzig Studenten ist in diesem Zusammenhang ein passender Baustein.

Judentum und Christentum können sich hier nicht einfach zurücklehnen. Die orthodoxen Juden in Israel sind nicht weniger frauenfeindlich. Offenbar wurde das z.B. an der Retuschierung des Bildes vom Gedenkmarsch in Paris, als alle Frauen, auch Angela Merkel, wegradiert (noch symbolisch) wurden. Für die Probleme des Christentums stehen die jüngsten Äußerungen des Papstes. Zuerst hat er die körperliche Bestrafung von Kindern gut geheißen, was ein Anschlag auf die geistige Unversehrtheit und das Selbstbewusstsein der Kinder ist. Und dann hat er, der im Zölibat lebt, Kinderlosigkeit gegeißelt – patriarchaler Zugriff auf die weibliche Sexualität. In Polen führt die katholische Kirche mit den Konservativen einen Kampf gegen den sogenannten Genderterrorismus (auch inzwischen in Deutschland angekommen), womit die Emanzipation der Frau gemeint ist. Hier zum Glück haben sie gerade erst eine Niederlage erlitten, als der Sejm ein Gesetz gegen häusliche Gewalt verabschiedet hat. Es gibt auch eine Seite genderterror.com, die allerdings genau gegen den Wahn des Genderterrorismus argumentiert.

Ein früheres Beispiel der Engführung von Kampf gegen Bildung und Kampf gegen Frauen hat der erste moderne Schriftsteller Chinas, Lu Xun, dargestellt. Lu Xun beschreibt allgemein die Verwerfungen im China des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. In seiner Erzählung „Ein Gelehrter namens Gao“ (Deutsch in „Das trunkene Land“, Unionsverlag) beschreibt er einen traditionellen Schriftgelehrten, der mit der modernen Bildung wie mit einer Mädchenschule, in der er unterrichten soll, hadert.

Bei dem Vers ‚Lesen und Schreiben sind der Beginn allen Leidens‘ hielt er inne, denn ihm wurde bewusst, dass er sich mit der Welt nicht in Einklang befand. Eine solche Empfindung hatte er früher niemals verspürt. (S. 121)

Schließlich kam er zu der Überezugung, dass die modernen Schulen tatsächlich die Sitten verdarben. Man konnte gar nichts Besseres tun, als sie zu schließen, insbesondere die Mädchenschulen. (S. 131)

Der Kapitalismus befreit die Menschen von ihren traditionellen Fesseln.

Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übrig gelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose ,,bare Zahlung“. Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämten, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt. (Kommunistisches Manifest)

Traditionell am meisten gefesselt waren die Frauen. Wir sind heute in einer Phase der Entwicklung, in der der Kapitalismus die traditionelle Einbindung der Frauen in patriarchale Verhältnisse beendet, weil er auf deren Arbeitskraft angewiesen ist. Dies ist keine Emanzipation im starken Sinne, aber eine Gleichberechtigung. Es gibt Frauen das Recht, kapitalistisch ausgebeutet zu werden. Damit bekommen Frauen aber auch die Rechte, die mit der kapitalistischen Verwertung einhergehen. Aus dem Leibeigenen wurde der Arbeiter, der seine Arbeitskraft formell frei verkauft. Aus den Frauen werden Arbeiterinnen, die ihre Arbeitskraft mit der gleichen formellen Freiheit verkaufen. Männer, die an der traditionellen Verfügung über die Frauen hängen, können dies nicht ertragen und bekämpfen dies. Diesen Kampf können wir mitverfolgen. In diesem Kampf sind wir (Männer, Frauen und andere Geschlechter) immer schon Beteiligte.

Aber auch die Kehrseite der formellen Freiheit ist sichtbar: Es geht im Kapitalismus nicht um wirkliche Emanzipation, sondern um Verfügbarkeit zur Ausbeutung. Die von einigen der avanziertesten Unternehmen ins Spiel gebrachte und ihren Angestellten angebotene „Social Freezing“ macht dies deutlich. Es erweitert gleichzeitig die Verfügungsmöglichkeiten der Frauen über ihre Sexualitität und den Druck, diese im Rahmen der kapitalistischen Verwertung zu nutzen.

Anfang der Neunziger Jahre hatte ich ein Gespräch mit einem führenden Mitglied der Hamburger GAL. Er war in der Immigrantenszene in Hamburg vernetzt. Es kam zum Streit um die kulturelle Identität. Er vertrat die damals und zum Teil auch heute gerade bei Linken weit verbreitete Ansicht, dass die kulturelle Identität der Immigranten stärker beachtet werden müsste. Ich hielt dem entgegen, dass ich dazu zwar prinzipiell bereit bin, dies aber seine Grenzen bei der Beachtung allgemeiner Humanität habe, und führte als Beispiel die Unterdrückung von Frauen an. Er meinte, wenn man die Emanzipation der immigrantischen Frauen vorantriebe, würde dies einen Krieg geben. Ich erwiderte, dass dieser Krieg gegen die Frauen bereits hinter den verschlossen Türen stattfindet und wir früher oder später in diesen Krieg hineingezogen werden und Position beziehen müssen. Spätestens jetzt ist es so weit.

Inna Schewtschenko auf Spiegel Online

Ich wollte sagen, dass sich trotz des Rechts auf freie Meinungsäußerung nur wenige trauen, ihre Meinung zu sagen. „Charlie Hebdo“, Lars Vilks, Femen – wir alle wären keine Angriffsziele, wenn wir nicht allein in diesem Kampf wären. Wenn alle aufstehen würden, sähe die Welt anders aus. Das sollte der Kern meines Vortrags sein: Statt über freie Meinungsäußerung zu reden, sollten wir frei unsere Meinung sagen.

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