Der kategorische Imperativ der Linken

Handle stets so, dass in der Summe der Ergebnisse deines Handelns der menschliche Fortschritt, sowohl technisch als auch gesellschaftlich, mehr befördert als behindert wird.


 

Der Fortschritt

Im neunzehnten Jahrhundert bis weit ins zwanzigste hinein war die Linke synonym mit dem Fortschritt. Entsprechend wurde die Rechte immer auch als konservativ oder reaktionär bezeichnet. Der Fortschrittsbegriff umfasste auch den technischen Fortschritt – jedenfalls soweit es die marxistische Linke betraf. Er kulminierte in dem Satz von Lenin:

Sozialismus ist Elektrifizierung plus Sowjetmacht.

Das ist so selbstverständlich einfach falsch. Aber die Verbindung von technischem und sozialem Forstschritt ist darin immerhin noch verstanden. Eine der offenkundigen Beispiele für diese Verbindung ist die zunehmende Emanzipation der Frauen. Entwicklung der Haushaltsgeräte, einfache Verfügbarkeit und Diversifizierung von Haushaltschemikalien und der Fortschritt in der Verhütung haben den Weg für eine Loslösung der Frauen aus einer primären Definition über Reproduktionsaufgaben geebnet.

Einen Bruch in diesem Verständnis in der Linken hat es mit Ausschwitz, den Atomwaffen und der Atomenergie, später mit ökologischen Problemen gegeben. So konnten bei der Gründung der Grünen Rechte und Linke zusammenkommen.

Dieser Bruch war nicht falsch. Er hat eine naive Vorstellung von Fortschritt in Frage gestellt. Auch „sozialistische“ Atomkraftwerke sind falsch. Der Bruch hat den Weg für einen vertiefenden Blick auf die gesellschaftlichen Entwicklungen geebnet. Auch die Behandlung biologischer Problem nach chemischem Paradigma, zum Beispiel verkörpert durch Monsanto wäre auch in einer sozialistischen Gesellschaft falsch.

Ich selber bin noch nicht zu einer abschließenden Beurteilung der Gefahren einer biologischen Behandlung biologischer Probleme gekommen. Das Problem hier ist die ungeheure Komplexität, um viele Ordnungen größer als bei der Programmierung. Und schon bei der Programmierung ist sie kaum in den Griff zu bekommen. Andererseits ist eine Planwirtschaft, also eine Wirtschaft, in der nicht der blinde Wille der Markteilnehmer, sondern die gesamte Gesellschaft über die Verfügung über die Produktionsmittel entscheidet, auf Grund der Datenmenge ohne Computerisierung nicht wirklich denkbar. Computer sind damit zwar keine hinreichende, aber notwendige Voraussetzung für den Fortschritt.

Für den Übergang von der mechanistischen(physikalischen) zur chemischen Weltsicht war die Entwicklung des Periodensystems eine notwendige Bedingung. Sie verankerte die Chemie in der physikalischen Welt und etablierte gleichzeitig eine chemische Ontologie.

Für den Übergang von der chemischen zur biologischen Weltsicht ( in vielen Teilen der Welt, zum Beispiel auch den USA noch nicht vollzogen ) war die Entdeckung der DNA notwendige Voraussetzung. Sie verankerte die Biologie in der chemischen Welt und etablierte gleichzeitig eine biologische Ontologie.

Eine derartige Verankerung des Bewusstseins in der Biologie und damit Etablierung einer menschlichen Ontologie steht noch aus. Damit fehlt eine notwendige Voraussetzung für den Sozialismus. Diese wird aber durch den medizinischen Fortschritt, hoffentlich früher als später, geliefert werden.

Die Summe der Ergebnisse deines Handelns

Für eine materialistische Linke ist das Ergebnis, nicht die Intention wichtig. Die Linke ist keine Religion, die zum Seelenfrieden führen soll. Der Sozialismus wird die Menschen auch nicht glücklich machen. Das Glück eines Menschen liegt ausschließlich in der Hand des Einzelnen. Er wird die Menschen aber besser leben lassen. Und er wird das Unglück (zum Beispiel durch Krieg, Ausbeutung und Konkurrenz) auf das unvermeidliche Minimum (zum Beispiele durch Unfälle und andere allgemeine Lebensrisiken) minimieren.

Entsprechend definiert sich eine Linke immer dadurch, dass ihr Handeln auf die Verbesserung der allgemeinen Lebensverhältnisse abzielt. Im Gegensatz zum Utilitarismus zielt dies nicht auf eine Maximierung des allgemeinen Glücks, sondern auf die Lebensbedingungen aller, auch und gerade der schwächsten ab. Solidarität und nicht Gerechtigkeit ist ein Grundwert der Linken. Siehe Buchkritik Sozialismus im 21. Jahrhundert, Seite 568:

Marx verweist zu Recht darauf hin, dass es keinen gerechten Lohn geben kann, auch nicht im Sozialismus. Sozialismus ist fundamentale Ungerechtigkeit mit dem Namen Solidarität.

Ein Setzen der politischen Strategie auf die allgemeine Verelendung und/oder Faschisierung wird damit ausgeschlossen. Eine Opferung der Gegenwart für die Zukunft ist nicht Links, sondern religiös.

Die Ergebnisse des Handelns müssen also den Fortschritt, technologisch wie gesellschaftlich, befördern.

In der Summe mehr befördern als behindern

Kein Mensch kann alle Ergebnisse seines Handelns abschätzen. Kein Mensch kann in den gegeben gesellschaftlichen Verhältnissen perfekt handeln. Auch und gerade nicht im Linken Sinne. Wir sind Produkt dieser Verhältnisse und bis zu unserem Tod einem permanenten Anpassungsdruck ausgesetzt, dem wir permanent entgegenarbeiten müssen. Emanzipation ist nie abgeschlossen. Wir machen Fehler, haben Ängste, Verpflichtungen, Schwächen. Wir sind keine Götter, Heilige, Übermenschen oder Helden. Wir wollen es auch nicht sein.

Deshalb werden unvermeidbar unsere Handlunge auch immer reaktionäre Effekte haben.

Es gibt kein richtiges Leben im falschen. (Adorno)

Wir wollen einfach nur Menschen sein, die ein wenig besser, ein wenig humaner, ein wenig weiniger entfremdet leben. Und weil dies nur dadurch geht, dass man die Scheiße in der Welt nicht ignoriert, weil einen sonst die Scheiße in den eigenen Kopf kriecht, geht das nur, wenn es allen besser geht.

Es gibt ein richtigeres Leben im falschen.

Wenn wir das falsche nicht vermeiden können, können wir uns doch anstrengen, es zu reduzieren. Deshalb geht es um die Summe der Ergebnisse unserer Handlungen, nicht um die Ergebnisse jeder Einzelhandlung.

Die ist als Aufruf zu einer gewissen Gelassenheit im Umgang der Linken untereinander zu verstehen. Und auch der einzelnen Linken mit sich selber. Ich habe kaum jemals wirkliche Renegaten kennengelernt. Wer eine bestimmte Stufe der Emanzipation und Selbst-Humanisierung errecht hat, wird diese kaum aufgeben wollen. Aber jeder macht Fehler, gerät in Sackgassen.

Wie wird der Fortschritt befördert?

Weder durch Realpolitik noch durch moralisierenden Extremismus oder Utopismus. Realpolitik ist das sich Bewegen in den vorgegebenen Strukturen. Damit verändert man nichts. Utopismus ist wie mit Auto auf glattem Eis Vollgas geben. Entweder man kommt nicht von der Stelle (meistens) oder man verliert die Kontrolle und landet in der Katastrophe (Stalinismus, chinesische Kulturrevolution, Khmer Rouge).

Es geht darum, immer wieder konkret in der jeweiligen Situation in ein Spannungsverhältnis mit den Gegebenheiten zu treten. Dies kann im Extremfall eine Auseinandersetzung über die Höhe von Bordsteinkanten sein. Manchmal sind die Umstände so, dass man den radikalere Mittel anwenden muss. Manchmal bleibt einem nur die kritische intellektuelle Begleitung der Verhältnisse. Am grünen Tisch kann dies nicht entschieden werden.

 

 

 

 

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